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Flashback: N24 Artikel vom 24 Mai 2001

Von Boris Kalnoky | Stand: 16.11.2011 | Lesedauer: 3 Minuten
Durch eine neue Offensive der mazedonischen Armee gegen albanische Terroristen wurde in Mazedonien ein neues Flüchtlingsdrama ausgelöst
Symbolbild
Drei Wochen haben sie in den Kellern ihrer zerschossenen Häuser ausgeharrt, meist 30 bis 40 Menschen in einem Raum, ohne Strom, mit einer Mahlzeit von Brot und Wasser pro Tag. Nun taumeln sie ans Tageslicht, hervorgetrieben vom schwersten Bombardement seit Beginn des Konflikts in Mazedonien. Kampfhubschrauber, Panzer, Haubitzen und Kanonen und Mörser aller Kaliber haben die Dörfer Vakcince und Slupcane in Trümmerhaufen verwandelt.

2000 Zivilisten flüchteten vor den Kämpfen ins benachbarte Serbien, rund 1000 begaben sich in die Hände der mazedonischen Sicherheitskräfte, die die Männer von ihren Familien trennten. Die Männer werden auf Paraffinreste an den Händen und Rückschlagspuren an den Schultern untersucht, um festzustellen, ob sie an den Kämpfen teilgenommen haben. Viele der Männer wurden von mazedonischen Polizisten und Soldaten geschlagen, Frauen und Kinder beschimpft; bislang wurden jedoch keine ernsteren Übergriffe bekannt.

Die Regierungsoffensive begann Donnerstagmorgen, offenbar als wütende Reaktion auf eine überraschende politische Wende. Unter Vermittlung des amerikanischen OSZE-Gesandten Robert Frowick hatten die beiden großen Albanerparteien des Landes (DPA und PDP) eine Einigung mit der Rebellenbewegung "Nationale Befreiungsarmee" (UCK) ausgehandelt. Inhaltlich hieß es darin, dass die Waffen schweigen sollten, die UCK jedoch an Verhandlungen über die Verbesserung der Minderheitenrechte in Mazedonien beteiligt werden sollte. Eine "konsensuelle Demokratie" sei angestrebt; konkret verbarg sich hinter dieser Formulierung ein Vetorecht für die UCK in allen Fragen zum Minderheitenrecht.

Für die Regierung in Skopje, die jeden Dialog mit "Terroristen" ablehnt und gerade erst eine All-Parteienkoalition unter Einschluss der DPA und PDP eingegangen war, war die auf dem Kosovo unterzeichnete UCK-Vereinbarung eine "Kriegserklaerung der Albaner an die mazedonische Nation", so zumindest Premierminister Ljubco Georgiewski. Er kündigte fortan eine "Politik ohne Gnade" gegen die "Terroristen" an. Stunden später brach die Offensive los. Frowick, der OSZE-Mann, musste Mazedonien überstürzt verlassen. Die Regierung bedeutete ihm, seine Hilfe sei "nicht mehr erwünscht".

Drei der neun von den Rebellen gehaltenen Dörfern sind bislang gefallen; nach albanischen Angaben gibt es bislang sieben Todesopfer unter den Zivilisten und rund 200 Verletzte, die mazedonischen Behörden geben ihre eigenen Verluste bislang mit sechs Verwundeten an. Die Angriffe konzentrierten sich am Samstag auf die Orte Slupcane und Orizaje. Dort verließen am Nachmittag Tausende weitere Flüchtlinge die Ruinen ihrer Häuser.

Die Rebellen schlagen jedoch an anderer Stelle zurück: Nördlich der Albanermetropole Tetovo griffen sie den Ort Popova Sapka an, wo sie ein Hotel, eine Kirche und einen Polizeicheckpoint zerstörten. Die Armee brachte Verstärkungen nach Tetovo. Immer noch spricht man in Mazedonien von einem "Konflikt", nicht von Krieg. Aber der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen scheint zunehmend akademisch. Es wird geschossen und gestorben, seit drei Monaten - ein Ende ist schwerer vorzustellen als eine weitere Eskalation. 

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