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Alexander der Große im Koran

Im Koran ist von einer mysteriösen Figur die Rede: einem Mann mit zwei Hörnern. Nicht wenige Experten in Vergangenheit und Gegenwart vermuten, damit ist der legendäre makedonische Herrscher und Eroberer Alexander der Große gemeint.
Von Prof. Dr. Jaakko Hämeen-Anttila, Universität Edinburgh, Schottland


Der mysteriöse Mann mit den zwei Hörnen, auf Arabisch Dhu l-Qarnayn, hat muslimische und nicht-muslimische Gelehrte schon immer fasziniert. Viele identifizierten ihn mit Alexander dem Großen, der im frühen 7. Jahrhundert zum Zeitpunkt der Entstehung des Islams im Nahen- und Mittleren Osten nach wie vor große Bekanntheit genoss. Der sogenannte Alexanderroman, eine biografische Erzählung, kursierte in verschiedenen Versionen und etlichen Sprachen, darunter Syrisch. Ins Arabische wurde die Darstellung schließlich auch übersetzt. So wurde sie Teil der arabisch-islamischen Geschichtsschreibung.

Die islamische Literatur führt mehrere Erläuterungen an, wie Alexander zum Spitzenamen "Zweigehörnter" gekommen sein könnte. Vielleicht hatte er Schläfenlocken, die an die Hörner eines Widders erinnerten. Vielleicht erreichte er die äußersten Enden der Welt, "Horn" genannt, wie man es heute vom Namen "Horn von Afrika" oder "Kap Hoorn" kennt. Vielleicht erhielt Alexander den Spitznamen auch, weil er die beiden rivalisierenden Großreiche Rom und Iran einte, indem er sie quasi bei den Hörnern packte.

Der Koran indes präsentiert den Mann mit den zwei Hörnern als frommen Diener Gottes. Seine Geschichte wird dem Anschein nach auf einer Ebene mit der von Propheten erzählt. Dereinst wird der Zweigehörnte wiederkehren und einen Wall gegen die Gog und Magog errichten, die beiden monströsen Völker am äußersten Ende der Welt. (Sure 18 Verse 83ff.) Der Koran verknüpft ihn also mit der Eschatologie, denn die apokalyptischen Gog und Magog brechen am Ende aller Tage los und verwüsten die Erde.     

Manche Islamgelehrte schlossen eine Gleichsetzung des frommen Zweigehörnten mit Alexander dem Großen aus. Einige davon sahen in der Gestalt einen eigenen Propheten. Diese Ansicht wiederum problematisierte unter anderen der berühmte Theologe und Koran-Kommentator Fakhr ad-Dîn ar-Râzî aus dem 12. Jahrhundert. Wäre der Zweigehörnte ein Prophet gewesen, argumentierte er, wie hätten andere ihn dann mit einem mazedonischen Herrscher gleichsetzen können, der sich vom heidnischen Philosophen Aristoteles beraten ließ und diesem gehorchte? Es blieb dabei, der Zweigehörnte wurde nachdrücklich mit Alexander assoziiert. 

Manche Gelehrte versuchten noch, den Konflikt aufzulösen, indem sie von zwei Männern mit jeweils zwei Hörnern ausgingen. Einer davon sei Alexander der Große gewesen, der andere ein Nachkomme oder Zeitgenosse Abrahams, ein frommer Muslim, der die Pilgerfahrt nach Mekka unternahm. Im Koran sei dieser Mann gemeint, hieß es.   

Den Gelehrten fiel noch etwas anderes auf: Die Erzählung steht in Sure 18. Sure 18 enthält ähnliche Geschichten: die Heiligenlegende der so genannten "Siebenschläfer von Ephesus", im Koran heißen sie "Gefährten der Höhle", und Moses Begegnung mit der ebenfalls mysteriösen Figur des unsterblichen Khidr. Sure 18 kombiniert folglich drei seltsame Geschichten, die sich von den Prophetenerzählungen abheben. Mithin wurde das Korankapitel auch als Sammlung populärer Geschichten angesehen, die zur Zeit Mohammeds in der Region verbreitet gewesen sind. 

Den Überlieferungen Mohammeds zufolge ist Sure 18 eine Antwort auf eine Reihe von Fragen, die ihm böswillige heidnische Mekkaner gestellt hatten, um ihn als unwissend bloßzustellen.

Ob der Mann mit den zwei Hörnen nun Alexander der Große ist oder nicht, seine Geschichte inspirierte durch die Jahrhunderte hindurch Gelehrte und Schriftsteller. Am Ende aber bleibt es eine rätselhafte Erzählung über die Wunder der Welt.

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