Der Spiegel über Opium aus Mazedonien - 1972

Makedonien galt als der größte Opium Produzent Europas bis in Anfang der Achtziger Jahre, und nicht nur das: das makedonische Opium zählt zu den "Besten" der Welt. Stärker wäre wohl der passende Term, es hat 14 bis 16 Morphin-Einheiten, mehr als doppelt so viel wie türkisches Opium mit etwa 6 Morphin Einheiten, indisches 7 und chinesisches 8. Deshalb war das makedonische Opium schon in der Antike beliebt und gefragt.

Der Spiegel berichtete im Oktober 1972 über die Mohnbauern in Makedonien und den Schwarzhandel.

Der mazedonische Schauspieler Vlado Jovanovski in einem wildwachsenden Mohnfeld in Mazedonien

Kleine Sensation
Für landeseigene Rauschgift-Produkte zahlt der Staat zuwenig. Deshalb ist Opium-Anbau nur noch für den Schwarzmarkt ein Geschäft.

Im Juni, als die heißen Tage begannen, zogen in Mazedonien die Bauern -- nach jahrhundertealtem Ritual -- mit Frauen und Kindern auf ihre Felder, wo der Mohn wächst.

Mit Messern ritzten sie die Kapseln der Ölpflanze an. Am nächsten Morgen gegen drei Uhr sammelten sie den schon trocknenden Saft ein. Die grauschwarze Masse wird zu Laiben geknetet und kann viel Geld bringen: Opium.

Die Staatsfirma "Alkaloid-Bilka" in Skopje, die in Jugoslawien das Monopol für den Ankauf hat, zahlt wenig. ihre umherreisenden Kommissionäre bewerten das Rohopium nach Farbe und Geruch auf den Morphium-Gehalt, der im jugoslawischen Opium besonders hoch ist: Er liegt bei etwa 14 Prozent gegenüber nur acht Prozent in China und zehn Prozent in Indien und Persien.

Für jedes Prozent Morphium erhält der Bauer je Kilo etwa 15 Dinar, für ein Kilo Rohopium demnach nur etwa 200 Dinar (40 Mark). Für Fruchtkapseln mit einem Opiumgehalt von etwa 0,3 Prozent gibt es nur Pfennige, für Mohnhalme überhaupt nichts, obgleich auch sie nach Meinung des Opium-Experten Nikola Seisov Opium enthalten.

Bei einem Durchschnittsertrag von 15 bis 20 Kilo Opium pro Hektar springen kaum die jährlichen Anbau- und Erntekosten von mindestens 2610 Dinar (rund 500 Mark) heraus. So halten die mazedonischen Bauern ihre Vorräte in Erwartung besserer Preise zurück -- insgesamt werden wahrscheinlich etwa zwölf Tonnen gehortet.

Den Rest verkaufen sie offensichtlich (zum doppelten Preis) auf dem schwarzen Markt. Nur so erklärt sich der Unterschied zwischen Anbaufläche und legaler Opiumproduktion: Innerhalb von zehn Jahren wurden die Mohnfelder um die Hälfte eingeschränkt, das offizielle Aufkommen an Rohopium aber sank auf ein Zehntel. 1968 kaufte "Alkaloid-Bilka" bei einer Anbaufläche von etwa 3000 Hektar sogar nur noch eine Tonne Rohopium auf.

Den Schwund fanden Zagreber Rauschgiftfahnder in einem Lkw (23 Kilo) und bei einem Magister der Agronomie, Branko Boltevski, bei zwei anderen Mazedoniern, die das Rauschgift in Zagreb auf offener Straße anboten, und bei einer Schwarzhändlergruppe, die mit der Ware in einem Ölkanister fünf Kilometer vor Belgrad gefaßt wurde: Sie wollte rund zehn Kilo in der Türkei losschlagen, hatte keinen Erfolg und war schon auf dem Heimweg.

Die Opium-Handelsstraße führt von Mazedonien über Belgrad, wo illegale Händler schon selbständig die Verarbeitung von Rohopium in Morphium versucht haben, und Zagreb nach Triest oder Salzburg: Von hier aus sickert der Saft durch die Bundesrepublik bis nach Belgien.

Im Belgrader Parlament richtete der Abgeordnete Dr. Aleksander Nardin eine Anfrage an den zuständigen Unterstaatssekretär Dr. Vinko Ravnikar:

Wie ist es möglich, daß innerhalb von weniger als zwei Jahren die Zahl der Narkomanen um Tausende angestiegen ist, daß Drogen ungehindert in unserem Land kreisen können, daß die Strafen für den Drogenhandel sehr mild sind, und wo sind jene 38 520 Kilogramm Opium gelandet, die in den letzten vier Jahren in Mazedonien produziert worden sind?

Nardin zitierte, unvollständig, aus dem SPIEGEL (der nicht von 38,52 Tonnen produzierten, sondern verschwundenen Rohopiums berichtete)*.

Auch Jugoslawiens auflagenstärkste Zeitung, "Vecernje Novosti", meinte, der SPIEGEL-Bericht sei in Jugoslawien "wie eine kleine Sensation eingeschlagen". Wenige Tage später empfahl das Blatt, negative Zahlen und Berichte in der jugoslawischen Presse lieber zu unterdrücken, da sonst "der Feind" sie nutzen könne.

Doch in diesem Fall faßte ein anderer jugoslawischer Parlamentsabgeordneter, Boris Lipuzic, nach, und Unterstaatssekretär Ravnikar erkannte: "Durch ein Verbot der Rohopium-Produktion würde man die bestehenden Möglichkeiten zum Mißbrauch von seiten der Erzeuger erheblich vermindern."

Dem kommen die Mohnbauern der Vojvodina und Mazedoniens schon zuvor: Während der fünfhundertjährigen Türkenzeit wurden allein in Mazedonien jährlich 200 Tonnen Rohopium erzeugt -- nach dem Zweiten Weltkrieg betrug die Produktion (offiziell) nur 59 Tonnen, und 1962 nur noch 7,6 Tonnen, weil "Alkaloid-Bilka" zu wenig zahlt.

In Jugoslawien ist durch internationale Vereinbarung der Mohnanbau auf 10 000 Hektar gestattet. Dieses Limit wird nur noch zu einem Drittel genutzt. Der Tito-Staat darf 66 Tonnen Rohopium legal exportieren, das Kilo zu einem Preis von 20 Dollar.

Jugoslawische Arzneimittelfabrikanten rechneten bereits damit, den kostbaren Saft bald importieren zu müssen -- gegen harte Westdevisen. Inzwischen legte die Belgrader Regierung dem Parlament einen Gesetzesentwurf vor, der Rauschgiftproduktion und -handel neu regeln soll. Wenn das Gesetz verabschiedet wird, erwarten die Schwarzhändler harte Strafen.


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