Die Zeit 1947: Hexenkessel Mazedonien

Zum Thema Mazedonien und auch den Bürgerkrieg in Griechenland schrieb die DIE ZEIT in der Nr. 47 vom 18. November 1947 folgenden Beitrag.  Obwohl Griechenland die Makedonier als “slawophone” abgetan hat und bis heute auch so bezeichnet, sprach man in der restlichen Welt von Mazedoniern bzw. Makedoniern.



“Der politische Ausschuß der UNO-Vollversammlung hat nun einen australischen Vorschlag angenommen, nach dem der Vorsitzende der Vollversammlung Dr. Evatt sofort eine Zusammenkunft von Vertretern der vier Balkanstaaten einberufen soll, um die Möglichkeiten einer direkten Regelung zu erörtern. Derselbe Ausschuß hat gleichzeitig eine Entschließung zur Griechenlandfrage gefaßt, in der Jugoslawien, Bulgarien und Albanien wegen Unterstützung der Aufständischen verurteilt, Fortsetzungen dieser Unterstützung als “Bedrohung des Friedens und der territorialen Unabhängigkeit Griechenlands” gekennzeichnet und die drei nördlichen Nachbarstaaten zur Einstellung aller Hilfeleistungen an die Aufständischen aufgefordert werden.

Wie die Konferenz der vier Balkanstaaten ausgehen wird – wenn sie überhaupt stattfindet -, ist nicht schwer vorauszusehen. Sie kann kaum einen nennenswerten Erfolg haben, weil der Bürgerkrieg in Griechenland nicht nur eine Balkanangelegenheit ist. Er ist ein Teil des “kalten Krieges” zwischen Ost und West, der auf dem Balkan seit langem als ein “heißer Krieg” mit den Waffen ausgetragen wird. Dazu kommt natürlich der “Grenzstreit” zwischen Griechenland, Bulgarien und Jugoslawien, der in Wirklichkeit nicht mehr und nicht weniger als den “Fall Mazedonien” darstellt – ein Problem, das seit Jahrzehnten immer das Haupthindernis für eine wirkliche Verständigung unter den Balkanvölkern bildet. Wie wenig dies allerdings in Rechnung gestellt und berücksichtigt wird, zeigt die gerade erfolgte Ablehnung des sowjetischen Vorschlages an den politischen Ausschuß, die Vollversammlung solle die griechische Regierung zur Achtung der Minderheitenrechte der in Griechenland lebenden Mazedonier auffordern. Die mazedonische Frage ist in dem griechischen Bürgerkrieg insofern von außerordentlicher Bedeutung, als die Kämpfe mit den Aufständischen sich hauptsächlich in Nordgriechenland, das heißt in Griechisch-Mazedonien, abspielen. Hier allerdings sind die Grausamkeiten der Markos-Kommunisten geschickt gelockt, gingen viele Mazedonier, ohne Kommunisten zu sein, zu Markos über. Ein weiterer Teil wurde nach der griechischen Inseln deportiert, und ein dritter Teil flüchtet nach Jugoslawien und Bulgarien. Vom griechischen Standpunkt aus ist die Verfolgung der Mazedonier in Nordgriechenland vielleicht zu verstehen. Es ist nur die Frage, ob auf lange Sicht eine solche Politik klug ist; denn es hat sich in den Jahrzehnten gezeigt, daß es tatsächlich ein mazedonisches Problem gibt, das nicht aus der Welt zu schaffen ist, ehe es nicht eine vernünftige Lösung gefunden hat.

Eine auf den ersten Blick vernünftige Lösung – allerdings im Rahmen einer kommunistischen Balkanföderation, als Teil des “großen Sowjetvaterlandes” – hatten die beiden kommunistischen Ministerpräsidenten Tito und Dimitroff im Sommer vorigen Jahres in Bled in einem Vertrag verabredet. Danach sollten bei der Schaffung einer Balkanföderation die mazedonischen Gebiete im Piringebirge von Bulgarien abgetrennt und an eine mazedonische Volksrepublik angeschlossen werden. Es steht außer Zweifel, daß auch ein Anschluß der mazedonischen Gebiete unter Griechenland an den neuen Staat vorgesehen worden war. In der Zwischenzeit hat sich vieles ereignet: Tito-Jugoslawien wurde aus dem Kominform ausgeschlossen, und der jugoslawisch-bulgarische Vertrag wurde nicht verwirklicht. Im Gegenteil, zwischen Jugoslawien und Bulgarien entstand ein Konflikt, der – was die Kampagne in Presse und Rundfunk angeht – sich nicht von dem Konflikt Griechenlands mit seinen Nachbarn unterscheidet. Die jugoslawischen Kommunisten werfen den bulgarischen Kommunisten vor, die Mazedonier im Piringebiet einer unglaublichen Unterdrückung ausgesetzt zu haben. Die Bulgaren ihrerseits werfen Tito vor, er habe die Absicht, mit Gewalt die mazedonischen Gebiete in Bulgarien zu annektieren und den Mazedoniern in Jugoslawien eine fremde, serbische Sprache aufzuzwingen …

Neben den Gegensätzen zwischen Ost und West sind also die Streitigkeiten unter den Balkanvölkern selbst nach wie vor vorhanden. Eine Zeitlang hätte man beinahe glauben können, dem Kreml werde eine sowjetische Balkanlösung gelingen. Sie ist, zum Glück für die dortigen freiheitliebenden Völker, nicht gelungen. Dies hat bei ihnen sicher neue Hoffnungen erweckt, neue Hoffnungen darauf, daß die Großmächte vielleicht doch noch einmal im Rahmen einer Gesamtlösung auch die Balkanprobleme weise und gerecht regeln werden.”

Quelle: Die Zeit
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